— Sobald ich eine Wohnung finde, ziehe ich sofort aus. Mach dir keine Sorgen.
Die ersten Wochen verliefen ruhig.
Die Schwiegermutter stand früh auf, bereitete das Frühstück zu, spülte das Geschirr.
Abends durchforstete sie die Online-Anzeigen und schrieb sich Telefonnummern von Vermietern heraus.
Julia half ihr sogar beim Anrufen und Vereinbaren von Besichtigungsterminen.
— Morgen schaue ich mir eine Einzimmerwohnung in der Leninskaja an, — berichtete Galina Petrowna beim Abendessen.
— Die Vermieterin wirkt vernünftig, und der Preis ist in Ordnung.
Doch schon nach einem Monat schwand der anfängliche Eifer.
Von jeder Besichtigung kehrte Galina Petrowna enttäuschter zurück.
— Was die alles verlangen! — schimpfte sie, während sie den Mantel ablegte.
— Drei Monatsmieten im Voraus, dazu Kaution und Einkommensnachweis. Wo soll ich das hernehmen?
— Und die Wohnung in der Sadovaja? — erinnerte Julia.
— Sie sagten doch, die Bedingungen seien akzeptabel.
— Erdgeschoss, Fenster in einen tristen Hinterhof, — winkte Galina Petrowna ab.
— Feuchtigkeit, Schimmel in den Ecken. In meinem Alter ist das lebensgefährlich.
Gegen Ende des zweiten Monats wurden ihre Schilderungen immer ausführlicher.
Sie erzählte von aufdringlichen Vermietern, überhöhten Preisen und merkwürdigen Nachbarn.
— Weißt du, Julitschka, — sagte sie nachdenklich, während ihr Blick durch die Wohnung glitt.
— In meinem Alter begreift man, wie sinnlos Mieten ist. Das Geld verfliegt, und ein eigenes Zuhause hat man trotzdem nicht.
Julia horchte auf, schwieg jedoch.

— Bei euch ist es so gemütlich, eine richtige häusliche Atmosphäre, — fuhr Galina Petrowna fort.
— So etwas können nur Eigentümer schaffen, nicht Mieter auf Zeit.
Julia erstarrte mit der Tasse kalten Tees in der Hand. Der Ton der Schwiegermutter ließ sie innerlich verkrampfen.
Im dritten Monat änderten sich die Gespräche. Immer öfter sprach Galina Petrowna von den Ratschlägen ihrer Freundinnen und ehemaligen Kolleginnen.
— Swetka aus der Nachbarschule sagt, erwachsene Kinder müssten für ihre Mütter sorgen, — erzählte sie beim Frühstück.
— Wofür opfert man sonst sein Leben, wenn man am Ende durch fremde Wohnungen irren muss?
Kirill aß schweigend weiter. Julia bemerkte, wie sich seine Schultern anspannten.
— Mama, wir helfen dir doch bei der Wohnungssuche, — sagte er vorsichtig.
— Suchen, suchen… — Galina Petrowna winkte ab.
— Seit vier Monaten suchen wir. Und meine Freundinnen sagen mir längst: Wozu überhaupt? Bleib doch einfach hier.
Julia stellte die Tasse so hart ab, dass das Porzellan klirrte.
— Was meinen Sie damit? — fragte sie leise.
— Was soll daran unklar sein, — die Schwiegermutter sah sie scharf an.
— Ich habe mein Leben Kirill gewidmet, alles geopfert für seine Zukunft. Studium, Zusatzkurse, Nachhilfe — alles bezahlt. Und was ist der Dank?
Im fünften Monat wurden aus Andeutungen offene Forderungen.
— Hört endlich auf, so zu tun, als wäre ich hier nur auf Durchreise, — sagte Galina Petrowna eines Abends.
— Kirill, du bist verpflichtet, deiner Mutter anständige Bedingungen zu schaffen.
— Aber die Wohnung gehört Julia… — begann er.
— Eine liebende Ehefrau denkt an die Familie ihres Mannes wie an die eigene, — unterbrach ihn die Mutter.
— Julitschka ist jung, sie kann sich noch etwas erarbeiten. Für mich ist es zu spät.
Julia stand in der Küchentür, Wut stieg in ihr auf. Aber Worte schienen nutzlos.
Täglich folgten nun Geschichten von Entbehrungen: verpasste Urlaube, aufgegebene Wünsche — alles angeblich für Kirill.
— Wasja hat seiner Mutter gleich nach der Hochzeit eine Wohnung gekauft, — sagte sie beim Abendessen.
— Und Petjas Schwiegertochter hat selbst vorgeschlagen, dass die Schwiegermutter bei ihnen einzieht.
— Das ist deren Sache, — murmelte Kirill.
— Natürlich, deren Sache, — nickte sie spitz.
— Dort kümmern sich die Kinder wenigstens um ihre Eltern.
Die Szenen wurden zur Gewohnheit. Galina Petrowna klagte, weinte, sprach von Scham vor Bekannten.
— Kollegen fragen schon: Wo wohnst du? Was soll ich sagen? Dass mein Sohn seiner Mutter keine Stabilität gibt?
Kirill versuchte zu vermitteln. Julia sah, wie der Konflikt ihn zerfraß.
— Mama, bitte, lass uns das ruhig besprechen, — bat er.
— Da gibt es nichts zu besprechen, — schnitt sie ihn ab.
— Entweder unterstützt du deine Mutter oder ich weiß, dass ich dich umsonst großgezogen habe.
Schweigen senkte sich über den Raum. Julia ballte die Fäuste. Das unvermeidliche Gespräch stand bevor.
Am nächsten Morgen trat Kirill mit roten, schlaflosen Augen aus dem Schlafzimmer. In der Küche weinte seine Mutter.
— Julja, hör zu… — begann er zögerlich.
— Ich habe Mama schon versprochen, dass du die Wohnung auf sie überschreibst.
Julia erstarrte im Flur. Die Worte trafen sie, doch wirklich überrascht war sie nicht. Nur bittere Klarheit blieb.
— Ohne mein Einverständnis? — fragte sie leise.
— Mama hat nach all ihren Opfern eine ruhige Rente verdient, — murmelte Kirill und starrte zu Boden.
— Wir sind jung, wir schaffen uns wieder etwas.
Julia lehnte sich an die Wand. Plötzlich ergab alles Sinn: die abgelehnten Wohnungen, das schnelle Einleben, die Umgestaltung nach Schwiegermuttergeschmack.
— Sie hatte nie vor, etwas zu suchen, — sagte Julia langsam.
— Es war von Anfang an geplant.
— Wovon redest du? — Kirill hob den Kopf.
— Davon, dass ihr mich belogen habt. Und du es zugelassen hast.
— Aber Mama braucht Hilfe! Ich wollte nur Frieden, — rief er.
— Du hast über mein Eigentum entschieden, ohne mich. Das ist Verrat, Kirill.
Da trat Galina Petrowna in die Tür, das Gesicht nass von Tränen.
— Julitschka, hast du kein Mitleid mit einer alten Frau?
— Genug! — schnitt Julia scharf ab.
— Das Theater ist vorbei.
Kirill lief verzweifelt zwischen beiden hin und her.
— Julja, lass uns reden, bitte. Mama verdient Fürsorge.
— Und ich verdiene Ehrlichkeit, — entgegnete sie bitter.
— Aber die gibt es in dieser Ehe nicht mehr. Deshalb lasse ich mich scheiden.
Schmerz brannte in ihr. Drei Jahre Beziehung, gemeinsame Pläne — ein Trugbild. Ihre Liebe war nur benutzt worden.
Kirill erbleichte.
— Was? Du scherzt doch!
— Nein. Ich will nicht mit einem Mann leben, der die Tränen seiner Mutter über die Wahrheit zu seiner Frau stellt.
— Wir können einen Kompromiss finden! — flehte er.
— Ein Kompromiss hätte vor Monaten stattfinden müssen. Jetzt ist es zu spät.
Galina Petrowna schluchzte lauter, doch Julia achtete nicht mehr darauf.
— Wenn ich jetzt nachgebe, werde ich mein Leben lang manipuliert, — sagte sie eisig.
— Diese Lektion war teuer: Vertrauen darf man nicht für eine Wohnung verkaufen.
Zwei Monate später war die Scheidung vollzogen.
Galina Petrowna musste ausziehen. Kirill mietete für sie und sich eine kleine Wohnung am Stadtrand.
Manchmal schrieb er Julia, voller Reue, voller Bitten. Doch sie las seine Nachrichten nur mit kalter Neugier und löschte sie.
Ihr Mitleid war gestorben, als er die Tränen der Mutter über die Ehrlichkeit zur Ehefrau gestellt hatte.
Julia blieb. In ihrem Zuhause, in ihrer Klarheit.
Jetzt kannte sie den Wert ihrer Grenzen.
Güte darf nicht in Schwäche enden.
Und Hilfsbereitschaft nicht in Selbstaufgabe.







