Nachdem sie von ihrer Schwiegermutter eine kräftige Ohrfeige bekommen hatte – und das mitten vor den Gästen –, spürte Margarita, wie ihr das Blut heiß in den Kopf schoss.
Kaum hatte sie den Mund aufmachen wollen, fiel ihr Zinaida Pawlowna bereits in gewohnt überheblichem Ton ins Wort:

„Was ist das für ein Tisch? Hast du den mit geschlossenen Augen gedeckt? Oder hast du etwa vergessen, wie ein anständiger Geburtstag aussieht?“
Die Gabeln erstarrten in der Luft. Einige Gäste starrten verlegen auf ihre Teller, andere wechselten vielsagende Blicke – wie in einer schlechten Telenovela.
Elena, einst die Lieblingsschwiegertochter, beugte sich über den Salat „Mimoza“ und musterte ihn mit der Miene einer enttäuschten Restaurantkritikerin.
„Was ist das für eine Marmelade, igitt!“, rief sie, rümpfte die Nase und wedelte mit einem pink lackierten Fingernagel über dem Plattenteller.
Margarita spürte, wie es in ihr brodelte. Ihr Gesicht brannte rot wie Feuer, das Herz klopfte bis in den Hals. Sie war kurz davor zu explodieren – da klingelte es an der Tür.
Nicolae stand sofort auf und ging öffnen. Draußen ein junger Kurier mit breitem Grinsen.
„Ein Paket für Frau Margarita Ivanowna!“
„Ah, ja. Stell es einfach da hin. Danke.“ Ihre Stimme war knapp, fast tonlos.
„DIESE HIER HAST DU GELESEN?“
Alle Augen richteten sich auf das schlichte, braune Paket. Margarita trat ohne ein Wort zum Schrank, öffnete die Türen und begann, eine staubige Schachtel nach der anderen herauszuholen. Sie stellte sie mitten ins Wohnzimmer.
„Was machst du da, Frau?!“ schrie Zinaida, während die Gäste sich neugierig erhoben.
„Wenn schon nichts gut genug ist, was ich tue, dann schauen wir doch mal, was bei anständigen Leuten so aufgetischt wird.“, sagte Margarita mit eisiger Ironie.
Sie öffnete die erste Schachtel. Briefe. Fotos. In der zweiten: ein paar alte sowjetische Modezeitschriften, eine angelaufene goldene Brosche. In der dritten – trat Stille ein.
Ein altes Fotoalbum. Abgewetzter Einband, vergilbte Seiten. Auf der ersten: ein junges Bild von Nicolae. Er hält die Hand eines blonden Mädchens – und es war eindeutig nicht Margarita.
Die nächste Seite zeigte dasselbe Mädchen. Diesmal in den Armen eines Mannes. Verheiratet. Zinaida Pawlowna.
„Was ist das?!“ rief Elena fassungslos.
Zinaida wurde kalkweiß. „Also… das ist nicht, was ihr denkt…“
„Ach ja?“, sagte Margarita nun ganz ruhig. „Hier ist übrigens auch dein Brief, Zinaida. Du hast der Geliebten deines Sohnes Geld geschickt, damit sie sich von ihm trennt – hat wohl nicht geklappt.“
Gemurmel. Verstohlene Blicke. Nicolae sah zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her, wie ein Zuschauer beim Boxkampf.
„Und falls du meine Salate schon in Gedanken entsorgt hast“, fuhr Margarita fort, „dann zeig ich dir jetzt mal, was eine echte Mimoza ist.
Du kennst das Rezept? Natürlich – ich hab’s dir vor zwei Jahren gegeben.“
„Oje…“, flüsterte jemand.
„Weißt du was? Es reicht. Ich lasse mich nicht mehr schlagen, nicht mehr demütigen – schon gar nicht in meinem eigenen Haus.
Raus mit euch. Geht ruhig ins Restaurant, wie ihr’s eh geplant hattet. Aber bei dem Benehmen heute gibt’s höchstens Fast Food vom Straßeneck!“**
Mit einem Ruck öffnete sie die Tür. Die Gäste standen, als hätte jemand den Ton abgedreht.
„Aber Margarita…“, stammelte Nicolae.
„Du auch. Überleg dir gut: Willst du eine Mutter, die andere manipuliert – oder eine Frau, die eine Mimoza macht, die alle umhaut?“
Zurück blieb sie allein im Wohnzimmer. Mit ihrem Salat – und einer Stille, die endlich nach etwas schmeckte.







